Im Fach Wirtschaft- und Sozialkunde berichtete Zeitzeuge Winfried Schweitzer von seiner mutigen Beteiligung am Tunnelbau 57. Es war eine eindrückliche Begegnung für die Schüler*innen, die zeigt wie Geschichte und Demokratiebildung im schulischen Alltag lebendig werden kann.
Die Geschichte des Tunnel 57
Winfried Schweitzer, geboren 1943, kam im Alter von zwölf Jahren nach Berlin-Wedding. Als 18-Jähriger erlebte er die Teilung der Stadt, was für ihn damals unverständlich war:
„Wir haben uns nicht damit abfinden können, dass da plötzlich eine Grenze war“, so Herr Schweitzer.
Als einer der jüngsten Berliner Ingenieure seiner Zeit schloss er sich Anfang 1964 daher einer Gruppe junger Menschen an, die einen geheimen Fluchttunnel gruben. Ziel war es, ehemalige Kommiliton*innen aus Ost-Berlin die Flucht in den Westen zu ermöglichen. Nach eigener Aussage habe Herr Schweitzer sich über die Gefahren des Unterfangens damals wenig Gedanken gemacht:
„Wir standen hinter der Sache und haben nicht groß nachgedacht. Aus heutiger Sicht ist das verrückt!“
Drei Wochen lang lebte Herr Schweitzer in einer leerstehenden Bäckerei in der Bernauer Straße 95. Von dort wurde ein Tunnel nach Ost-Berlin gegraben: zwölf Meter tief und 145 Meter lang. Das Gebäude durfte er während dieser Zeit nicht verlassen, die Vorhänge waren zugezogen. Mehrere Stunden täglich arbeitete er so mit einer eingeschworenen Gruppe aus fünf Personen: Meist kniend oder liegend mit einem Elektrobohrer, ohne Tageslicht. Persönliche Informationen durften aus Sicherheitsgründen nicht ausgetauscht werden. Nicht einmal seine Familie wusste, wo Herr Schweitzer sich aufhielt.
Trotz des hohen Einsturzrisikos und der ständigen Gefahr entdeckt zu werden, war der Tunnelbau erfolgreich. Vom 3. bis 5. Oktober 1964 gelang 57 Menschen dadurch die Flucht nach West-Berlin. Kurz darauf wurde der Fluchtweg allerdings von der Stasi entdeckt. Herr Schweitzer erzählte bis zur Wende niemanden davon und lernte viele der Geflohenen erst danach kennen: „Einmal im Jahr treffen wir uns noch heute“, berichtete er.
Zeitzeug*innengespräche als Beitrag zur Demokratiebildung
Für die Schüler*innen war Herrn Schweitzers Erzählung mehr als nur eine Geschichtsstunde: Sie verband das historische Ereignis des Tunnel 57 mit einer konkreten Lebensgeschichte. So werden abstrakte Themen greifbar, findet Schulleiter Jochen Knopp:
„Zeitzeug*innengespräche wie diese sind gelebte Geschichte. Sie sprechen junge Menschen deutlich stärker an als rein theoretischer Unterricht oder Filmaufnahmen. Dadurch können sie ein stärkeres Interesse für Geschichte oder Politik wecken.“
Das große Interesse der Schüler*innen war tatsächlich deutlich spürbar. Sie hörten gespannt zu, stellten persönliche Fragen und suchten den Dialog mit dem Zeitzeugen. Auf die Frage einer Schülerin, was er jungen Menschen heute mitgeben möchte, plädierte er: „Werdet politisch aktiv und haltet zusammen!“
Dank an Winfried Schweitzer
Das PFH dankt Herrn Schweitzer herzlich für seinen Mut, seine Zeit und seine Offenheit. Sein Bericht zeigt, dass Geschichte nur dann lebendig bleibt, wenn wir sie weitergeben: als Ermutigung, Verantwortung zu übernehmen und Demokratie aktiv mitzugestalten.