Künstlerische Prozesse in der Ganztagsbetreuung: Zeichnen als Form der Selbst- und Gemeinschaftsbildung
2014 starteten Daniel Schade und Hasyim Noor die Zeichnen-AG an der Ganztagsbetreuung der Fichtelgebirge-Grundschule. Aufgrund der großen Nachfrage wurden daraus bald zwei wöchentliche Angebote. Inzwischen sind die Arbeitsgruppen aus dem Nachmittagsprogramm nicht mehr wegzudenken, das vom Team der Ganztagsbetreuung ermöglicht und getragen wird.
Dienstags findet die Zeichnen-AG mit Daniel statt, donnerstags trifft sich die Skizzenbuch-AG unter der Begleitung von Hasyim. Im Durchschnitt nehmen etwa 25 Kinder teil, klassenübergreifend von der 1. bis zur 6. Klasse. Sie kommen aufgrund ihres gemeinsamen Interesses zusammen und zeichnen nebeneinander oder miteinander.
Hasyim und Daniel sind Erzieher und Künstler zugleich. Sie begleiten die Kinder sowohl in ihren künstlerischen als auch in ihren kognitiven Prozessen. Neue Kinder fragen anfangs häufig: „Was soll ich heute zeichnen?“ Darauf gibt es keine konkrete Antwort, aber Verständnis: „Ich bin auch erst mal überfordert.“ Mit der Zeit verschwinden diese Fragen.
Die Kinder erhalten keine Vorschläge dazu oder Vorgaben, was oder wie sie zeichnen sollen. Stattdessen vermitteln Daniel und Hasyim Mut und Zuversicht: „Nehmt euch Zeit.“
„Sich Zeit zu nehmen und in sich zu hören ist wichtig, damit die Fantasie nach außen treten kann.“
Die Kinder inspirieren sich gegenseitig immer wieder neu. Sie beobachten einander, nehmen Impulse auf und tauschen sich aus. So lernen sie mit- und voneinander und wachsen zu einer Gemeinschaft zusammen. Dabei entwickeln sie Vertrauen in ihre eigenen Ideen und Ausdrucksformen, arbeiten an ihren handwerklichen Fähigkeiten und stärken die Verbindung zwischen innerer Vorstellung und deren Visualisierung.
Neben Themen wie Bildaufbau, Farb- und Materialkunde sowie einem bewussten Umgang mit Papier werden auch soziale Kompetenzen gestärkt. Fragen wie „Darf ich das abmalen?“ spiegeln diese Entwicklung wider. Pädagogisch wird behutsam eingegriffen, wenn Aussagen wie „Guck nicht meine Idee ab“ fallen – mit dem Ziel, Vertrauen und Offenheit innerhalb der Gruppe zu fördern.
Wenn Kinder fragen: „Findest du das schön?“, erhalten sie keine bewertende Rückmeldung. Denn ein zentraler Grundsatz lautet: Es gibt kein richtig oder falsch. Es geht nicht darum, was andere denken.
„Nicht nach rechts oder links schauen, sondern nach innen!“
Die Kinder bringen teilweise eigene Materialien mit; Papier und eine Kiste mit Stiften stehen immer bereit. Wer ein Skizzenbuch nutzt, kann damit die eigene Entwicklung nachvollziehen. Mit sogenannten „Fehlseiten“ umzugehen, fällt dabei oft schwer – am liebsten würde man sie herausreißen. Doch auch diese Seiten gehören zum Prozess: stehen lassen, nicht aufgeben, daraus lernen und weitermachen.
„Lass es stehen, lern daraus und versuch es beim nächsten Mal für dich besser zu machen.“
Die Herangehensweisen der Kinder sind sehr unterschiedlich: Manche arbeiten eher konstruierend geplant, andere intuitiv. Beides ist gleichwertig. Die Energie kommt aus ihnen selbst und entfaltet sich frei auf dem Papier. Dabei treffen sie bewusst und unbewusst Entscheidungen, setzen sich mit sich selbst auseinander und entwickeln Vertrauen in ihre eigenen Prozesse.
Die Kinder gestalten für sich – und zugleich in Gemeinschaft. Seit 2014 füllen sie große Skizzenbücher, in denen sich bereits Hunderte von Kindern künstlerisch verewigt haben. Die Vielfalt der Zeichentechniken, Motive und Themen macht sie zu einer Inspirationsquelle und bietet einen besonderen Einblick in die zeichnerischen Ausdrucksformen von Kindern. Immer wieder kommen ehemalige Schüler*innen zurück, um sich die Skizzenbücher anzusehen, an denen sie selbst mitgewirkt haben.
Ein jährliches Highlight ist die Teilnahme am „Plakatwettbewerb für Kinder“ von wirBerlin. Schon im Januar fragen die Kinder nach dem neuen Thema, das jeweils Ende Februar veröffentlicht wird. Diese Beteiligung steht nicht im Widerspruch zu den pädagogischen Zielen – im Gegenteil: Die Kinder nehmen als Gruppe teil, und die Themen drehen sich um Zukunftsvisionen und Umweltschutz. Die zentrale Botschaft lautet: „Eure Ideen können etwas verändern!“
Während der Ausschreibung entwirft ein Teil der Kinder eigene Plakate, die anschließend gemeinsam eingereicht werden. 2025 gewann eine Schülerin den ersten Platz – ein Erfolg, von dem alle profitierten.
„Es geht letztendlich nicht ums Gewinnen, sondern um die gemeinsamen Erlebnisse und den Spaß, den man dabei hat.“
Im gemeinsamen zeichnerischen Prozess entstehen in den AGs Räume, in denen Kinder Vertrauen in ihre eigenen Ideen entwickeln, voneinander lernen und nachhaltige Verbindungen zu sich selbst und zur Gemeinschaft aufbauen.