Man muß mehr als 125 Jahre zurückgehen, um die Gründung des Pestalozzi-Fröbel-Hauses und das Konzept der "geistigen Mütterlichkeit" seiner Gründerin Henriette Schrader-Breymann als das einzuordnen, was es damals war: ein großer Einbruch in eine männliche dominierte Gesellschaft, die eine professionelle Beschäftigung mit Kindern noch nicht als eine öffentliche Aufgabe sah und einer eigenständigen sozialen und pädagogischen Berufsarbeit von Frauen kaum Verständnis entgegenbrachte. Denn Kindheit - ein Begriff, der noch nicht in das Bewusstsein des "normalen" Bürgers eingesickert war - wurde ausschließlich als Zwischenstufe zum Erwachsenwerden begriffen. Eine besondere Beschäftigung mit Kindern wurde als nicht notwendig betrachtet.

Gemessen an dieser Auffassung muteten bereits die pädagogischen Ansichten Fröbels und Pestalozzis nahezu revolutionär an: Wenn sie auch von unterschiedlichen Menschenbildern ausgingen, so sahen doch beide das Kind als ein "wesentliches Glied der Menschheit" (Pestalozzi), die sie durch die Erziehung und Bildung zu verbessern hofften. Den Grundstein für die spätere Entwicklung orteten sie in den Erfahrungen und Erlebnissen der ersten Lebensjahre. Deshalb, so die Schlussfolgerung der beiden Pädagogen im 19. Jahrhundert, komme dem Schutz des Kindes, seiner Pflege, der Förderung frühkindlicher Entwicklung und vor allem der Erziehung zu Selbstbildung und Selbsttätigkeit große Bedeutung zu. Betreuung, Bildung und Erziehung sollten nicht länger reine Privatsache bleiben, war Fröbels Überzeugung, sondern - und hier wurde die Idee des Kindergartens geboren - auch eine gesellschaftliche Aufgabe werden. Kindergarten und Familie sollten sich gegenseitig ergänzen und stärken. Dies war nicht eine allgemeine pädagogische Forderung, sondern begründete auch die soziale und erzieherische Arbeit als gesellschaftliche Reaktion auf die industrielle Revolution.

1874 spann Henriette Schrader-Breymann, eine Großnichte Fröbels, die Fäden weiter. Sie entwickelte Pestalozzis und Fröbels Lehren für die Praxis fort und gründete nicht nur Kindergärten in Berlin, sondern auch eine Ausbildungsstätte für den späteren Frauenberuf der Erzieherin. Ihr Ziel war es, die Ausbildung mit der praktischen pädagogischen Arbeit zu verknüpfen - die Geburtsstunde des Pestalozzi-Fröbel-Hauses mit seinem noch heute lebendigen Ausbildungs- und Praxis-Verbund. Mit diesem Konzept schlug Schrader-Breymann zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits erhielten Frauen so die Chance, erstmals einen bürgerlichen Beruf mit allen daraus folgernden Unabhängigkeiten zu erlernen, andererseits wollte sie auf diesem Wege jeden jungen Menschen in seiner Entwicklung fördern und ihn durch ausgebildete Fachkräfte zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit erziehen. Die "Entdeckung" des Kindes als einer interessanten, wichtigen und beachtenswerten Spezies Mensch und das Entstehen sozialer Frauenberufe vollzog sich zwar nicht ohne Widerspruch, aber in enger Wechselwirkung. Dadurch wurde es möglich, Kinder nicht mehr lediglich als Objekte bewahrender Fürsorge zu sehen und Frauen auf sozialen und pädagogischen Arbeitsgebieten aus einer vorwiegend karitativen Tätigkeit herauszuführen.