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Schöneberger Thesen

für eine Verbesserung der Bildung unserer Kinder und zur Gewinnung von Fachkräften

Die Schöneberger Thesen entstanden nach einem öffentlichen politischen Fachgespräch, zu dem das Pestalozzi-Fröbel-Haus pädagogische Fachkräfte und Studierende, Fachverbände und Politiker sowie die Senatsverwaltung für Bildung am 17. Oktober 2017 eingeladen hatte. Die Diskussion während des Fachgesprächs ist die Grundlage für die Formulierung von Thesen, die zu einer Verbesserung der Bildungssituation in Berlin und darüber hinaus beitragen sollen.

Das Pestalozzi-Fröbel-Haus (PFH) setzt sich seit seiner Gründung im Jahr 1874 für das Ziel ein, die Lebensbedingungen von Kindern und deren Familien zu verbessern. Zu den verschiedenen Bildungseinrichtungen des PFH zählen unter anderem neun Kindertagesstätten und sieben Ganztagsbereiche an Schulen, in der Fachschule werden seit Generationen Erzieherinnen und Erzieher ausgebildet.

Hintergrund des Fachgesprächs ist, dass trotz des erklärten politischen Willens und der gesetzlichen Grundlagen für eine Stärkung bzw. einen Ausbau des ErzieherInnenberufs ein eklatanter Fachkräftemangel in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe besteht. Zugleich geht seit einigen Jahren die Anzahl der Studierenden an öffentlichen Erzieherfachschulen zurück. In einem konstruktiven Austausch sind wir während des Fachgesprächs folgenden Fragen nachgegangen:

  • Wie kann der gravierende Fachkräftemangel in Kindertagesstätten, Ganztagsbetreuungen an Schulen und in anderen pädagogischen Einrichtungen beendet werden?
  • Wie können Fachkräfte nachhaltig im Beruf gehalten werden?
    Wie können wir verhindern, dass junge Menschen eine ErzieherInnenausbildung absolvieren, sich dann aber für besser bezahlte Berufe entscheiden?
  • Wie kann der ErzieherInnenberuf für künftige Studierende so attraktiv werden, dass wir wieder mehr Studierende für unsere Erzieherausbildung gewinnen?
  • Wie können wir einen einheitlichen Fachkräftestandard halten, der eine qualitativ hochwertige Betreuung unserer Kinder in pädagogischen Einrichtungen garantiert?

Unsere Thesen stellen kein fertiges Konzept dar, sondern bilden Kernaussagen der Diskussionsbeiträge von professionellen pädagogischen Fachkräften, Lehrkräften und Studierenden dar, die sich täglich in der ErzieherInnenausbildung selbst sowie in Bildungseinrichtungen wie Kindertagesstätten und Ganztagsbetreuungen für Kinder einsetzen.

Wir wünschen uns landes- und bundesweit eine konstruktive und effektive Debatte, die in der Etablierung von verbindlichen und nachhaltigen politischen Regelungen ihren Abschluss findet. Wir brauchen neue politische und tarifliche Regelungen und zwar bald.

1. Wir brauchen eine Flexibilisierung und mehr Durchlässigkeit der Ausbildung von unten und nach oben

Wir brauchen flexiblere Zugänge in die Ausbildung und in den Beruf, z.B. durch Ausweitung der Zugangsvoraussetzungen mit MSA, modulare Ausbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten und die Förderung von QuereinsteigerInnen unter besseren Bedingungen sowie durch die Anerkennung ausländischer Schulabschlüsse. Ziel sollten hier einheitliche europäische Standards sein. Gleichzeitig sollten Aufstiegschancen erhöht werden, z. B. durch einen Bachelor an Fachschulen.

2. Die berufsbegleitende Ausbildung ist ein großer Schatz für Schule und Praxis - Beschäftigte in Teilzeitausbildung dürfen nicht voll auf den Personalschlüssel angerechnet werden

In Berlin werden Beschäftigte in einer berufsbegleitenden Erzieherausbildung vom ersten Tag ihrer Ausbildung an zu 100 Prozent auf den Personalschlüssel der Einrichtungen angerechnet, in denen sie arbeiten. Die Folge ist eine Überforderung sowohl der Auszubildenden als auch der Praxiseinrichtungen. Eine gute Lösung könnte sein, Beschäftigte in Teilzeitausbildung im ersten Jahr ihrer Ausbildung mit 30% auf den Personalschlüssel anzurechnen, im zweiten Jahr mit 60% und im dritten Jahr mit 90%. Anleiterstunden müssen nicht nur in Kitas, sondern auch in Grundschulen bereitgestellt werden. Nur unter derart verbesserten Bedingungen kann es mittelfristig gelingen, mehr berufsbegleitende Ausbildungs- bzw. Arbeitsplätze zu schaffen, auch wenn dies kurzfristig zu einer weiteren Verschärfung des Fachkräftemangels führen könnte. 

3. Eine finanzielle Absicherung in der Vollzeitausbildung erleichtert die Entscheidung für dieses Studium

Studierende müssen Studierenden-BaföG statt Schüler-BaföG erhalten, Praktika müssen bezahlt werden (z. B. nach dem Modell PiA "Praxisintegrierte Ausbildung für ErzieherInnen in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen"), Umschulungen müssen finanziert werden.

4. Erzieherinnen und Erzieher müssen besser bezahlt werden

Ein höheres Gehalt ist der Schlüssel für die Beendigung des Fachkräftemangels und die Steigerung der Attraktivität des Berufs. Eine Steigerung von mindestens
zwei Tarifgruppen ist den heutigen Anforderungen an die Tätigkeit angemessen.

5. Es müssen strukturelle Voraussetzungen für multiprofessionelle Teams in pädagogischen Einrichtungen für eine hohe Qualität in der Arbeit und in der Ausbildung geschaffen werden

Schon jetzt sind multiprofessionelle Teams in pädagogischen Einrichtungen Realität. Staatlich geprüfte Erzieherinnen und Erzieher arbeiten mit Sozialassistenten und Sozialassistentinnen, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Zeitagenturen, Pflegekräften, werkpädagogischen Kräften sowie mit Ehrenamtlichen und Honorarkräften zusammen, wie auch mit Bachelor-Absolventinnen und -Absolventen.

Wir brauchen einheitliche Strukturvorgaben sowie einen gezielten Aufbau multi-professioneller Teams. Die Einbindung von Fachkräften unterschiedlicher Ausbildungslevel kann nur unter konzeptionell gut durchdachten und entsprechend finanzierten Bedingungen erfolgreich sein, damit diese zu einer Qualitätssteigerung führt und nicht zu einer Dauerbelastung der Arbeitskräfte.

6. Qualitativ gute Arbeitsbedingungen erhöhen die Attraktivität des Berufs und fördern das Kindeswohl

Der ErzieherInnenschlüssel in Kita und Ganztagsbetreuung muss angehoben werden, um die Gesundheit der Fachkräfte zu erhalten und befriedigendere Arbeitsbedingungen zu schaffen, die eine qualitative Weiterentwicklung der Arbeitsfelder gewährleisten und Kindern die Bindungs- und Bildungsmöglichkeiten bieten, die sie brauchen.

Mehr lesen über das poltische Fachgespräch "Frühkindliche Bildung im Spannungsfeld der Akademisierung und Entprofessionalisierung - Ressourcengewinnung für Berlin" am 17. Oktober 2017 im PFH